KI, Innovation und Regulierung
Im Kern ist KI zumindest in ihrem Erscheinungsbild der menschlichen Kognition angenähert. Auch wenn die technischen Mechanismen, aus denen sinnvolle Konversation entsteht, sich fundamental von menschlichem Denken unterscheiden, muss man für die Einordnung der Haftungsfrage das Ergebnis betrachten: die tatsächlich erbrachte Leistung.
Und diese Leistung ist bemerkenswert. Die Entwickler haben hier zweifellos Außergewöhnliches geschaffen.
Gleichzeitig entsteht ein trügerischer Eindruck: Ein Large Language Model wirkt wie eine hochbegabte Intelligenz, die in Sekundenbruchteilen Aufgaben löst, an denen Menschen scheitern würden. Doch diese Leistungsfähigkeit geht nicht mit einem echten Verständnis von Verantwortung, Wahrheit oder Konsequenzen einher. Die KI versteht nicht mehr als ein intelligenter Mensch – sie versteht es nur schneller.
Worum geht es also eigentlich?
Es geht um die Haftung beim Einsatz solcher Systeme in kritischen Kontexten – dort, wo grundlegende Anforderungen gelten: Nachvollziehbarkeit, Verantwortung und die Vermeidung von Schäden, sei es körperlich oder materiell.
Am Beispiel der Versicherer wird das Problem greifbar.
Leistungsfreiheit ist faktisch ein zentrales Ziel. Leerformeln, mehrdeutige oder ins Leere laufende Formulierungen und die systematische Verzögerung oder Verweigerung von Leistungen sind tief im Geschäftsbetrieb verankert – nicht als Ausrutscher, sondern als Programm. In einem solchen Umfeld ist klare, verlässliche Auslegung bereits für Menschen eine stetige Herausforderung.
Man erwartet nun von einem System mit enormer Auffassungsgabe, dass es sich in Domänen sicher bewegt, die selbst für Experten schwer zu durchdringen sind. Etwa im Versicherungswesen, wo
a) Inhalte oft nur von spezialisierten Fachleuten vollständig verstanden werden,
b) Regelwerke regelmäßig Gegenstand rechtlicher Auseinandersetzungen sind und
c) selbst erfahrene Juristen Interpretationsspielräume nur begrenzt auflösen können.
Es geht dabei nicht um die Kompetenz der Beteiligten. Im Gegenteil.
Das eigentliche Problem liegt in der systematischen Ambiguität: in der Mehrdeutigkeit von Bedingungen, Definitionen und Ausschlüssen. Diese Ambiguität kann absichtlich, systembedingt oder schlicht unbeabsichtigt entstanden sein – entscheidend ist, dass sie real ist und die Auslegung erschwert. Ein sprachbasiertes Modell kann diese Unschärfe nicht auflösen, es kann sie nur überformulieren.
Und genau das erzeugt eine gefährliche Illusion.
Die scheinbare Klarheit der KI-Antwort – im Volksmund oft als „Halluzination“ bezeichnet – überdeckt die eigentliche Wahrheit: Die zugrunde liegenden Texte sind mehrdeutig. Dabei spielt es ausdrücklich keine Rolle, ob diese Ambiguität absichtlich, strukturell oder grundlos existiert. Ein System, das auf Sprache trainiert ist, kann aus struktureller Unschärfe keine echte Eindeutigkeit erzeugen – es kann sie nur simulieren und damit den Eindruck von Belastbarkeit erzeugen, wo tatsächlich Interpretationsspielräume, Widersprüche oder Lücken bestehen.
Aktuell spaltet sich das Topic KI mindestens in drei Pfade – und alle drei entfernen sich auf unterschiedliche Weise von der Realität.
- Der erste Pfad suggeriert, die Entwickler hätten ein kaputtes Gerät ausgerollt: als wäre die KI defekt, sobald sie nicht „Wahrheit“, sondern nur Wahrscheinlichkeiten liefert. Dabei tut das System genau das, wofür es entworfen wurde: Wahrscheinlichkeiten effizient simulieren und generieren.
- Der zweite Pfad reitet weiterhin den Hype: „KI macht dein Unternehmen besser, schneller, profitabler – und ich bin der Heilsbringer, der dir das verkauft.“ Hier wird KI als Wundermaschine inszeniert, die Komplexität und Verantwortung einfach wegautomatisiert.
- Der dritte Pfad folgt dem Trugschluss, man könne die Verwirrung der KI – ausgelöst durch mit Leerformeln, Ambiguitäten und Mehrdeutigkeit gespickte Texte – einfach mit noch mehr Text beheben. Also: mehr Richtlinien, mehr Klauseln, mehr Disclaimer. Man setzt auf ein sprachliches Dauerfeuer, obwohl das zugrunde liegende Problem die fehlende klare, konsistente Semantik ist.
Alle drei Pfade haben eines gemeinsam: Sie vermeiden die eigentliche Auseinandersetzung mit der Natur dieser Systeme. Es ist kein „kaputtes Gerät“, kein Wunderapparat und auch kein Problem, das man mit weiteren Textschichten zudecken kann. Es ist ein statistisches System, das in einem von Mehrdeutigkeit und Interessenkonflikten geprägten Umfeld eingesetzt wird – und genau daraus entstehen die Illusionen, die wir fälschlich „Halluzinationen“ nennen.
Vor diesem Hintergrund ist entscheidend zu verstehen:
Wenn ein durchschnittlich intelligenter Mensch, ein Anwalt, ein Richter oder ein Kunde aufgrund der Unklarheit eines Textes keine konkrete, verlässliche Auskunft und Klarheit erlangen kann, dann wird es auch eine KI nicht „magisch“ schaffen. Sie kann bestenfalls die bereits vorhandenen Interpretationen schneller durchspielen und sprachlich überzeugend präsentieren – aber sie überschreitet damit nicht die Grenze dessen, was im Text selbst angelegt ist.
Sie berechnet lediglich die rhetorisch eleganteste Formulierung dieser Unklarheit.
Viel wahrscheinlicher ist aber: Sie zeichnet eine ästhetisch ansprechende Lösung.
Sie ist kein Detektiv, der mit der Wahrheitsfindung beauftragt ist, sondern ein Rhetorik-Automat, der die Unklarheit perfekt tarnen kann.
Oder oder oder. Garbage IN -> Garbage OUT.
Und genau daraus ergibt sich die eigentliche Kernfrage:
Wer findet sich ohne fachliche Unterstützung verlässlich im Dickicht aus Klauseln, Ausschlüssen und einer sich ständig weiterentwickelnden Rechtsprechung zurecht – und worauf genau stützt sich die Erwartung, dass ein statistisches System hier belastbare Eindeutigkeit liefern kann?
Präziser Output
Betrachten wir doch einmal, wie präzise die Antworten von LLMs sind,
wenn die Syntax eindeutig ist:
Warum sollte eine “kaputte KI” bei Code plötzlich funktionieren können?
Doch sie tut es, Code wird eindeutig interpretiert und auch generiert.
Das zeigt eigentlich sehr wohl auf eine triviale Weise, dass die Maschine sehr wohl präzise arbeitet (Debugging ist Teil der Software Entwicklung).
Und, um es klar zu stellen: Dieser Text fordert weder mehr Regulierung, noch fordert es belastbaren KI Output.
Zur angeblichen Innovationsbremse „Regulierung“:
Klar ist: Jeder fährt mal gern schnell.
Unklar ist anscheinend vielen, warum man glaubt, schnell fahren müsse überall und jederzeit erlaubt sein.
Die These von der „Überregulierung“ hält einer Realitätsprüfung nur selten stand. Es ist weder ein theoretisches Konstrukt noch eine steile Behauptung – jede und jeder kennt Beispiele aus dem eigenen Leben, in denen Regeln erst dann entstanden sind, als es ohne sie nicht mehr ging.
In Deutschland schaut der Gesetzgeber typischerweise erst einmal zu. In der Praxis wird er vielmehr dazu genötigt einzugreifen – und zwar dann, wenn die Folgen von Unregelmäßigkeiten, Missbrauch oder Schlupflöchern ein für Bürgerinnen und Bürger unzumutbares Ausmaß erreichen. Sei es im Verbraucherschutz, im Datenschutz oder im Wettbewerbsrecht.
[Betrachte Ki Deployment Ende 2022 und dazu EU AI Act]
Innovation kann nicht bedeuten, Technik auszurollen, von der nachweislich erhebliche Gefahren ausgehen. Das ist keine Innovation, das ist kaputte Technik.
Regulierung ist in diesen Fällen nicht der Feind des Fortschritts, sondern die Bedingung dafür, dass Fortschritt gesellschaftlich tragfähig bleibt.
Man muss sich die Realität in der Wirtschaft einmal nüchtern anschauen.
Viele Unternehmen könnten moderne LLMs heute problemlos lokal und vollständig autonom betreiben – technisch, organisatorisch und rechtlich. Natürlich ist es eine Investition, die sich erst nach Jahren amortisiert. Sie könnten damit aber 100 % DSGVO-konform arbeiten, ohne dass personenbezogene Daten oder Geschäftsgeheimnisse ihr eigenes Netzwerk verlassen.
Trotzdem hängen die meisten am Glauben fest, KI müsse zwingend in der Cloud laufen, sonst sei sie nicht modern, nicht skalierbar und nicht rentabel. Dieser Irrglaube wird durch einen dauerhaften Hype genährt.
Warum ist das so?
Weil möglicherweise ein ganzer Ökosystem-Cluster – Berater, Vertriebler, Reseller, „KI-Strategen“ – von Abschlüssen lebt: von Closing Rate, Conversion, wiederkehrenden Lizenzen und Nutzungsgebühren. Das ist ein Geschäftsmodell. Sie können wirtschaftlich kaum etwas anderes empfehlen als genau das, wovon sie selbst abhängig sind.
Das Ergebnis des Hypes:
Es wird oft exakt das Gegenteil von dem verkauft, was inzwischen als klarer Konsens auf breiter Flur angelangt ist und viele Unternehmen strategisch eigentlich anstreben: digitale und technologische Souveränität.
Statt Eigenbetrieb, Kontrolle über Daten, Architekturhoheit und echte Unabhängigkeit zu stärken, wird externe Abhängigkeit als „Innovation“ verpackt. Souveränität wird dann rückblickend teuer nachgekauft – durch Regulierung, Auflagen und nachträgliche Schadensbegrenzung.
Und dann kommen wir wieder zurück an den Anfang.
Die KI ist nicht kaputt.
Die Erwartungshaltung entspricht nicht dem Konzept der Technologie.
Innovation ist nur ein Attribut oder auch Eigenschaft von Produkten und technischen Entwicklungen.
Also:
Entwickle bitte Technik, die Sicherheit, Ergonomie und Datenschutz by Design integriert, dann könnte möglicherweise Regulierung als Rahmen betrachtet werden, und nicht als Bremsklotz und wir könnten alle in einer Art Sandbox oder in einem, durch Leitplanken gesicherten und eindeutig abgegrenztem Areal vollgas geben.